Thilo Seibt

* 1966 in Berlin
lebt und arbeitet in Berlin

künstlerische Ausbildung
2005/07
Seminarklasse Sibylle Hoffmann | Photocentrum am Wassertor, Berlin
2002/04
Seminarklasse Sibylle Bergemann (d/ostkreuz) | Fotoschule am Schiffbauer Damm, Berlin

Einzelausstellungen
2013 Granica | Fotoatelier am Schönen Berg (Berlin)
2013 Durch ein dunkles Land | Galerie emma t. (Berlin)
2012 Wüstungen | Galerie Marktgasse 11 (Wittstock)
2010 Abschlussbild | Dorint Strandhotel (Wustrow)
2010 Abschlussbild | Fotogalerie Wallraf (Köln)
2010 Wüstungen | Galerie kunstschwimmer (Berlin)
2009 Abschlussbild | Heinrich-Böll-Stifung (Rostock)
2006 erst abbrausen | Duncker 15 (Berlin)

Ausstellungsbeteiligungen
Berlin, Bernau, Chemnitz, Hamburg, Konstanz, Mestlin, Paris, Potsdam, Wiesenburg, Wittenberge, Woserin, Wustrow

www.thilo-seibt.de


Wüstungen (seit 2008)

In der Diskussion um den Bevölkerungsrückgang im Nordosten Deutschlands taucht immer öfter der schon fast vergessene Begriff der „Wüstungen“ auf. Damit sind Orte in der Landschaft gemeint, an denen vor kurzer oder langer Zeit Menschen siedelten. Orte, die von ihren Bewohnern aufgegeben wurden und die sich die Natur wieder zurück erobert hat. Die Spuren der einstigen Siedler sind nur noch, wenn überhaupt, schwer erkennbar. Die Vorstellung selbst gar keine Spuren zu hinterlassen und die Spuren der Alten zu verlieren, stellt die Frage nach der eigenen Identität und dem Sinn des eigenen Lebens.

Wüstungen sind keine Orte der Rückkehr. Die Gehenden haben ihre Sachen mitgenommen. Lebendig bleiben die verlassenen Orte nur in den Erinnerungen, Geschichten der Alten, Legenden, Mythen. Das Ziel des Aufbruchs ist mit Ungewissheit verbunden und verschieden. Sind grundlegende Lebensgrundlagen am alten Ort entzogen worden oder bieten sich an anderen Orten bessere, werden oft auch weite Wege gegangen. Wege der Hoffnung, des Aufbruchs. Für durch Krankheit, Krieg oder andere Katastrophen Vertriebene ist der meist kurze Weg umso schwerer. Der Verlust wird mit an den neuen Ort mitgenommen. Durch die fotografische Arbeit „Wüstungen“ wird gezeigt, dass das Verlassen von Orten schon immer zu unserer Geschichte dazugehört hat. Dieses Verlassen, Aufgeben war in den letzen Jahren des Aufbaus und Wachstums in der Mitte Europas nicht mehr im öffentlichen Bewusstsein. Über Generationen wurden neue Siedlungsräume erschlossen und vergrößert. Daher wird das eigentlich immer schon Dazugehörende, zum Neuen, zum Unbekannten. In „Wüstungen“ wurde sich dem gesamten Thema fotografisch von mehreren Seiten genähert. Die aufgesuchten Wüstungen befinden sich zumeist in den Regionen, in denen wieder über das Verlassen von Orten diskutiert wird.

Die Fotografien fangen die Zeiten und die Spuren an diesen Orten ein. Da bei Tageslicht keine sichtbaren Spuren zu entdecken waren, sind die dunklen Spuren der Vergangenheit in Nachtaufnahmen festgehalten worden. Durch das Filmmaterial lässt sich immer nur der Moment einfangen, der gleich wieder Vergangenheit ist. An diesen Orten liegt der Moment dutzende bis hunderte Jahre in der Vergangenheit. Um diese lange Zeit sichtbar zu machen wurden lange Belichtungszeiten gewählt.


Granica

Berlin liegt geografisch im Osten Deutschlands. Viele Besucher und Einwohner haben jedoch das Gefühl, dass Berlin im Mittelpunkt der Republik liegt. Der gefühlte Längengrad ist meist zwischen Magdeburg und Hannover verortet. Die meisten bemerken die östliche Lage erst bei einem Ausflug an die Oder. Dort steht man dann -nicht mal eine Autostunde entfernt- an der Grenze zu Osteuropa. Hier beginnt für viele das Unbekannte. Eine fremde Sprache und eine unbekannte Kultur halten die Reisenden ab, diese Grenze zu überschreiten. Das Ferne so nah. Die große osteuropäische Ebene durchzogen von den breiten Flüssen, die riesigen Waldflächen bewohnt von Elchen, Bären und Wölfen und dieser weite Horizont mit den wehmütig ziehenden Wolken, sie liegen vor den Toren Berlins.

Die Oder ist ein stiller Fluss. Sie rückt sich nicht gern in den Mittelpunkt. In einer weiten Ebene fließt sie Richtung Norden und bildet heute die Grenze zwischen zwei Völkern mit einer tausendjährige gemeinsame Geschichte. Das Zusammenleben dieser beiden Völker war meist nicht einfach. In den letzten siebzig Jahren war die Grenze meist geschlossen, gab es nur wenige Brücken und Fähren. Erst in den letzten Jahren können sich die Anwohner des Flusses kennen lernen. Das passiert nun sehr behutsam. Vielleicht auch, weil das kulturelle Erbe der Oder verschüttet scheint. Wer nach Liedern und Texten über die Oder sucht, wird schwer fündig. Andere Flüsse und Ströme sind besungen und beschrieben worden. Die Oder ist tut sich da schwer. Die Oder ist ein stiller Fluss.

Mit der fotografischen Arbeit macht Thilo Seibt auf die nahe Grenze (poln. Granica) aufmerksam. Obwohl die Republik Polen nicht einmal 80 Kilometer von Berlin entfernt ist, wird dies heute in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Der kleine Grenzverkehr über die Oder ist kaum der Rede wert. Ein polnisches Leben ist in Berlin kaum sichtbar. Die Wenigsten wissen, dass die Polen in Berlin die zweitgrößte Migrationsgruppe bilden. Mit den Fotografien über die Oder will Thilo Seibt diese Themen aufnehmen und für den Austausch zwischen den Völkern werben.