
Zartes Pflänzchen mit starker Symbolkraft
Die Blaue Blume: Manchen mag sie noch vage aus dem Deutsch- oder Kunstunterricht bekannt sein, andere assoziieren mit ihr die missbräuchliche Verwendung durch rechtspopulistische Gruppierungen. Wieder andere schütteln bei ihrer Erwähnung nur verständnislos den Kopf. Dennoch gilt sie nach wie vor als zentrales Symbol der Romantik – einer literarischen, philosophischen und künstlerischen Epoche des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Sie steht bis heute für Gefühl, Liebe, Sehnsucht, für das Streben nach dem Unendlichen und dem Unerreichbaren. Gesucht wird nach Ganzheit, einer Vereinigung von Natur, Geist und Seele.
Romantik im Zeitalter der KI
Ist heute im digitalen Zeitalter eine Beschäftigung mit den Ideen und Idealen dieser Bewegung noch angemessen? Oder driftet man damit gefährlich in die Ecke der ewig Gestrigen? In eine Gemeinschaft, die die Zeichen der Zeit leugnet und in gefühliger Weltabkehr drängende Probleme negiert? Wir meinen: Ob Romantik noch „zeitgemäß“ ist, hängt davon ab, was man darunter versteht, wie man sie lebt. Wenn die frühen Romantiker in der Natur eine lebendige, beseelte Kraft und nicht nur eine Ressource sahen, erscheint das im Zeitalter der Klimakrise erstaunlich aktuell: Die ableitbare Idee, dass Mensch und Natur eins sind, dass wir Verantwortung für die Erde tragen, ist alles andere als unzeitgemäß. Aber: „Moderne Romantik“ muss reflektiert sein, muss Realitätsflucht, sentimentale Überhöhung und Verdrängung vermeiden.
Essenzieller Ausgleich zum puren Technikglauben
Wir leben in einer Zeit, die von Technik, Effizienz und Beschleunigung geprägt ist. Zahlen, Logik und Kontrolle bilden die Basis unseres Seins. Alles ist messbar, optimierbar, vernetzbar – gleichzeitig fühlen sich viele überfordert, entfremdet oder leer. Im Spannungsfeld zwischen Spiritualität und Entfremdung, Schönheit und Zerstörung, Natur und Technologie, mag die Entscheidung, dem Gefühl, der Fantasie und dem Geheimnis Raum zu geben, wie ein Akt der Selbstverteidigung wirken. Auch die allgegenwärtige KI kann viel mit Romantik anfangen. Durchaus positiv konnotiert heißt es etwa bei ChatGPT: „In der Romantik ist das Gefühl wichtiger als die Vernunft. Die blaue Blume verkörpert den Wunsch, das Geheimnis des Lebens zu erfassen – nicht durch Logik, sondern durch Empfindung, Fantasie und Kunst.“ Wir erleben Gefühle oft in technologischen Räumen: in digitalen Simulationen, mit Avataren, die uns glaubhaft ein „menschliches“ Gegenüber vorgaukeln. Virtual Reality und KI-Kunst lassen die Grenzen von Rationalität und Gefühl verschwimmen. Bittet man beispielsweise eine generative KI, eine Landschaft zu „schaffen“, erhält man oft Bilder, die an die Malerei der Romantik erinnern – hart an der Grenze zum Kitsch, teilweise deutlich darüber hinaus.
Die Romantik lebt!
Dass Romantik heute einen Nerv trifft, zeigt die enorme Resonanz auf die Ausstellungen zum 250. Geburtstag von Caspar David Friedrich im Jahr 2024. Tatsächlich übertrafen die Besucherzahlenrekorde den Erfolg des Malers zu seinen Lebzeiten bei Weitem. Heute brauchen wir einen Zugang zur Romantik mit Verstand und Gefühl. Sie verliert sich nicht im Nebel; sie sucht Sinn, ohne die Realität zu verdrängen. Sich nach Tiefe, nach Schönheit, nach Echtheit zu sehnen, ist nicht veraltet. Romantik ist nicht tot – sie hat ihre Form geändert. Sie lebt weiter, wo Menschen versuchen, Unsichtbares sichtbar, Unbegreifliches erfahrbar zu machen, in einer Welt der Kontrolle nach Staunen, Gefühl und Transzendenz zu suchen. Und genau das will uns die Blaue Blume erzählen.
Unsere Arbeiten
Wir, die Künstlerinnen und Künstler des LinsenKollektivs , haben jeweils ganz eigene Zugänge zum Thema „Erzähl mir von der Blauen Blume …“ gefunden. Der Weg dorthin war für uns ein spannender Prozess. Die Blaue Blume ist eine symbolisch emotional aufgeladene Stellvertreterin für die Welt der Gefühle – gestern wie heute. Konkret taucht sie in keiner unserer Arbeiten auf. Wir haben erkannt, dass sich das Ideal der Blauen Blume in den unterschiedlichsten Formen, Farben und individuellen Bildkompositionen einfangen lässt und weit über das Symbolische hinaus geht.
Für Kay Janke steht in „Rosen“ die Ambivalenz der Natur im Vordergrund. Auf der einen Seite finden wir Reinheit und Pracht, auf der anderen konfrontiert sie uns mit der Vergänglichkeit.
Steffi Pianka sieht sich durch die Blaue Blume in „Momente des Glücks“ auf eine Wanderschaft nach innen geführt. Sie wird daran erinnert, dass das Höchste nicht im Haben liegt, sondern im Staunen. „Das Glück veranlasst uns, nicht zu bleiben, wo wir sind, sondern im täglichen Unscheinbaren das Wundersame zu finden.“
Ute Christina Bauer erzählt in ihrer Arbeit „Transformation“ von einer spirituellen Suche. Wie können sich durch einen bewussten Umgang auch mit schmerzhaften Gefühlen neue Dimensionen erschließen?
Manfred Orberger setzt gezielt einen Kontrapunkt zur romantischen Idylle. Seine Fotografien zeigen Natur als ein raues, undurchdringliches Gegenüber.
Lothar Köhler zeigt in „Wo die Ferne Abstand hält“ eine geheimnisvolle Flusslandschaft, die sich im flüchtigen Nebel in immer neuer Gestalt zeigt. In „Höchste Eisenbahn“ spürt er wehmütigen Kindheitserinnerungen nach.
Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler:
Kay Janke
Steffi Pianka
Ute Christina Bauer (FASB)
Manfred Orberger
Lothar Köhler
Ausstellung
Fotoatelier am Schönen Berg
Mansteinstr. 16, 10783 Berlin
vom 12.09. – 20.09.2026
Vernissage am 11.09.2026 ab 19:00
Finissage am 20.09.2026 ab 16:00 (mit Künstler*innengespräch)
Öffnungszeiten: Donnerstag / Freitag / Samstag / Sonntag 14 bis 19 Uhr